Slowakei: Keine Parade, aber dennoch Pride

“Buzeranti von!”: Übersetzt heißt das in etwa “Arschficker raus”. Diese und sonstige Provokationen waren heute beim “Dúhovy Pride Bratislava 2010″, der ersten Regenbogenparade in der slowakischen Hauptstadt zu hören. Eine mehrköpfige MiGaY-Delegation war bei diesem historischen Protest für Gleichheit und Würde dabei.

Es blieb aber während des Tages nicht bei Beschimpfungen: die slowakische Seite tvnoviny.sk berichtet, dass zwei junge Männer mit einer Regenbogenfahne in umittelbarer Nähe des Slowakischen Nationaltheaters am Hviezdoslaplatz von Neonazis angegriffen und geschlagen worden seien. Einem von ihnen wurde der Fotoapparat weggenommen. Beide kamen mit blutigen Gesichtern davon.

Auf beiden Seiten des länglichen, im Stadtzentrum gelegenen Hviezdoslavplatz versammelten sich Rechtsextreme, Anhänger unterschiedlicher Organisationen, darunter auch der “Volkspartei Unsere Slowakei”. Mehrmals flogen in Richtung der versammelten Parandenteilnehmer_innen – anfangs etwa 300, laut Medienberichten 1000, bei der Überquerung der Donaubrücke 600 – Rauchbomben. Auch die Polizei, die zum Teil spät, zum Teil schlecht, und zum Teil zu unorganisiert reagiert hatte, ging gegen die Demonstranten vor. Acht Demonstranten wurden verhaftet, zahlreiche weitere vorübergehend festgehalten.

Einer der festgenommen war übrigens auch jener Mann, der während der Ansprache der Europa-Parlamentarierinnen Ulrike Lunacek und Marije Cornelissen etwas (der Angaben der Organisatoren nach war es ein Stein) geworfen hatte, was Ulrike Lunacek nur knapp verfehlt hatte. Ansprachen kamen auch von Aktivist_innen aus Ungarn, Tschechien und Polen, wo im Juli dieses Jahres die Europride stattfinden wird.

Der geplante Umzug durch die Altstadt der slowakischen Hauptstadt wurde abgesagt, da die Polizei die Sicherheit der Teilnehmer_innen nicht garantieren konnte. Die zur Pride gekommen Teilnehmer_innen wurden gebeten, den “abgesicherten” Bereich um die Pride-Bühne nicht zu verlassen und wenn doch, dann erst nachdem sie alle “Zeichen, die sie verraten könnten” runtergegeben haben.

Um 17:00 Uhr gingen dann über die “Neue Brücke” etwa 600 Parade-Teilnehmer_innen, mehr als die Organisator_innen erwartet haben, zur Party am anderen Ufer der Donau. Begleitet wurden sie von rund 200 Polizist_innen, mitsamt Sondereinheit, Hubschrauber und Polizeiboot. Die Party verlief dann in entspannter Atmosphäre – mitsamt Grillen und Sonnenuntergang mit Regenbogenfahne am Schiffsdeck.

Der Blick über die bunte, große Regenbogenmenge auf der Brücke, mit der Preßburger Burg und dem slowakischen Parlament gab jedoch auch uns von MiGaY die Hoffnung, dass für die LGBT-Community der Slowakei rosigere und sicherere Zeiten bevorstehen. Denn, wie es auch heute geheißen hat, “wir sind gekommen um zu bleiben”. Immerhin war die Slowakei eines der letzten Länder der EU ohne Pride-Parade. Von einem Partner_innenschaftsgesetz ganz zu schweigen. Aber so wie es die Aktivistin Hana Fabry heute auf der Bühne gesagt hat, “heute ist ein kleiner Traum wahr geworden. Klein, aber dennoch wahr. Und wir gehen weiter.”

Das slowakische Nachrichtenportal SME berichtete ebenfalls über die Duhovy Pride 2010: Verhaftet worden sind übrigens 29 Menschen, und es hat insgesamt 10 verletzte gegeben. SME schreibt, es habe um 16.42 uhr an der brücke einen tätlichen konflikt zwischen polizei und radikalen gegeben.

Der berühmte slowakische Schriftsteller, Michal Hvorecký, der auch bei der Parade gesprochen hat, hat in SME auch folgendes geschrieben:

“Während meiner Rede hatte es vor der Bühne Panik gegeben. Die Neo-Nazis hatten geschafft, zwischen die Menge Tränengas reinzuwerfen. Das habe ich im Laufe des Nachmittags mehrmals gesehen.”

“Die ersten Flyer der Neo-Nazis über ihre Pläne wurden schon im März veröffentlicht. Was also überhaupt macht die SIS (der Verfassungsschutz), welche uns jährlich eine Milliarde kostet? Wieso konnte die Polizei durch den Angriff der Radikalen überrascht werden?”

“Ich bin froh, bei der Parade teilgenommen zu haben, und sogar die Ehre hatte, aufzutreten. Eine große Zahl an Besucher hatte die Aktion unterstützt, mehr als ich mir dachte. Sogar meine Eltern sind gekommen. Bratislava hat sich als tolerante und moderne Großstadt gezeigt. Aber es hat sich auch wieder mal gezeigt, wie viele Menschen aus ihr gerne eine zurückschauendes, hassendes Provinzloch machen würden.”

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2 Responses to “Slowakei: Keine Parade, aber dennoch Pride”

  1. Der slowakische Innenminister Robert Kali?ák meinte übrigens gerade im Fernsehen, “wenn sie [die Organisator_innen] ein sicheres Pride haben wollen, dann müssen sie auch eigene Securities besorgen.” Also wenn er nicht um die Sicherheit seiner eigenen Bürger_innen sorgen kann – warum “spielt” er dann den Innenminister?

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