Coming-out

Was ist ein „Coming-out“?

Sehr viele Dinge werden in unserer Gesellschaft als selbstverständlich vorausgesetzt und nicht hinterfragt („es ist halt so“) – stattdessen wird angenommen, dass sie auf alle Menschen zutreffen. Solche Annahmen passieren besonders häufig, wenn es um das Privatleben anderer geht. Den meisten Menschen kommt es gar nicht in den Sinn, dass die Frau vor ihnen in der Warteschlange in einer Beziehung mit einer anderen Frau leben könnte, oder dass ihr Busfahrer sich eigentlich als Busfahrerin fühlt. Die wenigsten Leute erwarten, in ihrem persönlichen Umfeld auf Menschen zu stoßen, die nicht ihrer Idee von „normal“ entsprechen.

Wenn andere von dir denken, du seist so und so, wenn du eigentlich (ganz) anders bist, hast du die Wahl: entweder du schweigst und lässt sie in ihrem Glauben oder du stellst die Sache klar und korrigierst ihre Annahmen. Ein „Coming-out“ ist eine solche Klarstellung: Du sagst anderen Menschen, dass die Vorstellungen, die sie von dir haben, nicht stimmen – und stellst sie richtig. Der Begriff „Coming-out“ stammt aus dem Englischen und bezeichnet sozusagen ein „Herauskommen“ aus einer Schublade, in die andere dich gesteckt haben.

Ein Coming-out ist ein Akt der Selbstbestimmung, in dem du dich den Erwartungen anderer Menschen nicht länger unterwirfst. Du bestehst ihnen gegenüber darauf, dass sie dir nicht sagen können, wer du bist oder sein sollst, sondern dass du über dich selbst entscheidest. Ein Coming-out kann sehr erleichternd und befreiend, aber oft auch ein schwieriger Prozess sein. Du musst dich damit auseinandersetzen, dass du bestimmten Erwartungen nicht entsprichst – und oft auch nicht gesellschaftlichen Regeln (sogenannten Normen). Und manchmal wollen es andere nicht so recht glauben oder nicht akzeptieren, dass ihre Annahmen über dich nicht stimmen.

Viele Menschen sagen, dass sie immer wieder neue Coming-outs haben. Das liegt daran, dass sie mehr als nur einer Person ihre Situation erklären wollen, und sich daher mehr als einmal den Annahmen anderer stellen müssen. Zum Beispiel kannst du ein Coming-out bei deinen Freund_innen haben, eines bei deiner Familie, eines am Arbeitsplatz und so weiter. Jedes Mal, wenn du neue Menschen triffst, musst du dich aufs Neue entscheiden, welche Seiten von dir du zeigen willst.

Wer du bist, wie du bist – und mit wem du das teilen möchtest –, kannst nur du für dich selbst entscheiden. Es gibt dabei keine richtigen oder falschen Entscheidungen, egal, was andere dir sagen wollen. Dieser Text soll dich dabei unterstützen, zu entscheiden, was für dich das Richtige ist.

Coming-out – als was?

Meistens sprechen wir von einem Coming-out in Bezug auf Themen, zu denen es sehr starke Erwartungen in deinem Umfeld – und der Gesellschaft als Ganzes – gibt. Menschen entscheiden sich oft für Coming-outs, wenn es um Teile ihrer Persönlichkeit geht, die als „grundlegende“ Eigenschaften gesehen werden. Sexualität kann ein solcher Teil sein (z. B. wenn du als Junge bei der Frage „Hast du schon eine Freundin?” jedes Mal gut überlegen musst, wie du antwortest), Geschlecht kann ein anderer sein (z.B. wenn Leute von dir erwarten, dass du ein Mädchen sein sollst, obwohl du dich als Junge fühlst).

Sexualität & sexuelle Orientierung

Sexualität ist ein sehr dehnbarer Begriff, der alles mit einschließt, was mit deinem sexuellen Empfinden zu tun hat, darunter auch die Frage, zu wem du dich sexuell hingezogen fühlst, also deine sexuelle Orientierung.

Eine Frau, die sich nur zu anderen Frauen hingezogen fühlt, ist lesbisch; ein Mann, der sexuell und romantisch nur an anderen Männern interessiert ist, ist schwul. Homosexuell ist ein Überbegriff für schwul und lesbisch („homo“ steht für „gleich“ – es geht also um Personen, die sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen). Frauen, die nur Männer mögen, und Männer, die nur Frauen mögen, sind heterosexuell („hetero“ heißt „anders“). Während die Kurzform hetero allgemein üblich ist, wird homo alleine meist als Schimpfwort verstanden, weshalb du es nicht zur Bezeichnung von anderen verwenden solltest. Menschen, die sowohl Frauen und Männer attraktiv finden, nennen sich meistens bisexuell (von „bi“ für „zwei“). Manche Menschen nutzen die Bezeichnung pansexuell (von „pan“ für „alles“), um auch Menschen einzuschließen, die nicht entweder Mann oder Frau sind, sondern sich weder mit dem einen noch mit dem anderen identifizieren oder mit beidem oder mit einer anderen Geschlechtsidentität.

Manche Menschen bezeichnen sich als queer. Das Wort stammt aus dem Englischen und wurde ursprünglich mit der Bedeutung „pervers“ oder „abartig“ als Schimpfwort verwendet (manche englischsprachigen Menschen tun dies immer noch). Die damit Beschimpften haben es dann aber selbst benutzt und so in eine (positive) Selbstbezeichnung umgewandelt.

Manchmal wird queer als Überbegriff für alle (nicht-hetero)sexuellen Orientierungen und (Nicht-Cis-)Geschlechtsidentitäten verwendet (wie zum Beispiel für „die queere Community”). Mehr und mehr Menschen benützen queer aber, um sich bewusst gegen jede Form von Kategorisierung von Menschen – z. Bsp. in „Männer“, „Frauen“, „hetero“, „schwul“ etc. – zu stellen. In diesem Sinne lässt sich queer nie ganz beschreiben, da es seine Funktion als Nicht-Kategorie verlieren würde, wenn es genau definiert und dadurch selbst erst wieder eine Kategorie würde.

Wer gerne romantische Beziehungen eingehen möchte, sich dabei aber aus verschiedenen Gründen keinen Sex wünscht, bezeichnet sich unter Umständen als asexuell.

Abseits von all diesen Bezeichnungen und Kategorien geht es aber vor allem um deine eigenen Empfindungen und Gefühle. Wahrscheinlich werden die meisten Menschen von dir zunächst einmal erwarten, dass du heterosexuell bist. Wenn das für dich passt, ist das auch okay. Leider bringen andere manchmal ihre Meinungen sehr aggressiv zum Ausdruck – dann ist alles, was nicht ihren Normen entspricht, schlecht oder „pervers“. Lass dich nicht von den Erwartungen der anderen leiten, sondern finde für dich selbst heraus, womit du dich wohlfühlst.

Geschlechtsidentität

Du hast bestimmt schon mal ein Formular ausgefüllt, auf dem du „weiblich“ oder „männlich“ ankreuzen musstest. Aber was wird dabei wirklich gefragt? Was auf deiner Geburtsurkunde angegeben ist? Wie deine Genitalien aussehen? Ob du lieber Hosen oder Röcke trägst?

Unsere Gesellschaft schreibt der Kategorie Geschlecht sehr große Bedeutung zu. Gleichzeitig gibt es viele Regeln und Traditionen (Normen), die uns vorschreiben, wie sich (alle) Männer und (alle) Frauen zu benehmen haben und wie sie aussehen sollen. Wer diese Regeln bricht, bekommt oft Probleme. Wer zum Beispiel „als Mann“ im Minirock unterwegs ist, fängt sich im besten Fall neugierige Blicke, im schlimmsten Fall Prügel ein. Wer sich „als Frau“ Bart wachsen lässt, stößt dafür ebenfalls kaum auf Verständnis.

Das heißt allerdings nicht, dass es „falsch“ oder „unnatürlich“ ist, sich nicht an Geschlechternormen zu halten! Nur du selbst kannst herausfinden, wie du dich am wohlsten fühlst. Vielleicht deckt sich deine Geschlechtsidentität mit der, die von der Gesellschaft erwartet wird – dann wird von cisgender gesprochen. (Für die geschlechtliche Identität wird auch im Deutschen oft der aus dem Englischen stammende Begriff „Gender“ verwendet.) Du musst diesen Erwartungen aber nicht entsprechen! Deine eigenen Gefühle gelten hier: Du kannst eine echte Frau sein, egal was in deiner Geburtsurkunde steht; du kannst ein richtiger Mann sein, egal, ob du einen Penis hast oder nicht.

Wenn deine Geschlechtsidentität nicht mit der übereinstimmt, die dir die meisten Menschen zuschreiben würden oder die in deinen Dokumenten steht, kannst du dich transgender oder einfach trans nennen. Der Begriff transsexuell wird heute eher selten verwendet, und viele Trans*-Personen verwenden ein Sternchen (*), um die Vielfältigkeit von Trans*-Identitäten anzudeuten.

Einige Menschen sind intergeschlechtlich – das bedeutet, dass ihre körperlichen Geschlechtsmerkmale (Genitalien, Chromosomen etc.) nicht eindeutig in die Kategorien „männlich“ oder „weiblich“ eingeordnet werden können. Sie bezeichnen sich selbst oft als Inter* oder Herm und manchmal auch als intersexuell, wobei du Letzteres eher vermeiden solltest, wenn du nicht über dich selbst sprichst.

Manche Menschen sprechen von sich als genderqueer, womit sie ausdrücken wollen, dass sie mit den engen Schubladen „Mann“ und „Frau“ nicht viel anfangen können und diese Geschlechternormen ablehnen. Auch genderfluid (für das Wechseln zwischen Geschlechterkategorien und -vorstellungen) und agender/geschlechtsneutral (für das Fehlen bzw. Zurückweisen jeglicher Geschlechtsidentität) werden verwendet.

Manchmal glauben wir, alles über uns selbst zu wissen, nur um dann herauszufinden, dass wir uns doch nicht so sicher sind. Bleibe ehrlich zu dir selbst und erforsche deine Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse. Du kannst auch mit Geschlecht und all den gesellschaftlichen Vorstellungen, die damit verbunden sind, experimentieren und „spielen“, ohne deine Grundidentität zu verändern. Du bist, wer du bist, egal, wie andere dich sehen.

Warum ein Coming-out?

Es gibt verschiedenste Gründe, die dich zu einem Coming-out bewegen können. Vielleicht hast du genug davon, nicht ganz ehrlich zu leben. Vielleicht möchtest du den Druck loswerden, falsche Vorgaben aufrechterhalten zu müssen. Vielleicht willst du endlich deine_n Freund_in deinen Eltern vorstellen können. Was auch immer deine Gründe sind, wäge sie gut ab – denn ein Coming-out lässt sich kaum rückgängig machen.

Coming-out – bei wem?

Bei dir selbst

Am Anfang eines Coming-outs stehst immer du selbst: Als erster Schritt ist es wichtig, dass du selbst weißt, was du fühlst (das schließt auch mit ein, zu wissen, wo du dir vielleicht nicht ganz sicher bist!). Für viele Menschen ist es von großer Bedeutung, ein Wort für ihre Gefühle und Lebensweisen zu haben – es stärkt ihre Identität und schafft Gemeinschaft mit anderen, die ähnlich empfinden. Bezeichnungen für deine Identität zu verwenden bedeutet allerdings nicht, dass du damit eine lebenslange Verpflichtung eingehen musst. Es ist möglich, dass sich deine Identitäten und Gefühle mit der Zeit entwickeln und ändern. Das macht deine Gefühle in der Gegenwart aber nicht weniger „echt“ und deine Zugehörigkeit zu den damit verbundenen Communitys nicht weniger zulässig.

Bei anderen

Wenn du dir über deine Gefühle (inklusive aller Unsicherheiten) klar geworden bist, kannst du dir überlegen, mit wem du sie teilen möchtest. Vielleicht kannst du zuerst eine Person ins Vertrauen ziehen, von der du dir sicher bist, dass sie positiv reagieren und dich nicht verurteilen wird. Grundsätzlich ist es immer eine gute Idee, Ressourcen aus der Community zu nützen (das tust du schon, indem du diesen Text liest). Sehr viele von uns haben schon einige Coming-outs hinter uns oder stecken in ähnlichen Situationen wie du – du bist nicht alleine! Wenn es dir möglich ist, baue dir Verbindungen mit der Community auf und lerne Menschen kennen, die deine Gefühle aus erster Hand nachempfinden können. Die Kontaktdaten am Ende dieser Textes können dir dabei helfen, solche Menschen zu finden.

Wie mache ich (m)ein Coming-out?

Dein Coming-out bei anderen kann auf viele verschiedene Arten erfolgen – es muss nicht das todernste Gespräch am Küchentisch sein, das du vielleicht aus Filmen kennst. Wenn du ein Coming-out planst, kannst du eine Situation wählen, die für dich am angenehmsten ist.

Wenn du dir zum Beispiel Sorgen machst, dass du in einem Gespräch mit deinen Eltern zu nervös wirst, kannst du versuchen, ihnen einen Brief zu schreiben und auf den Tisch zu legen. Schaffst du es nicht, deiner besten Freundin die Wahrheit ins Gesicht zu sagen? Sag es ihr doch im Chat. Im Internet findest du auch Fotos von Torten, die mit einer Coming-out-Nachricht darauf gebacken wurden – so hat die Person gleich eine süße Hilfe, den eventuellen Schock zu verdauen. Für andere wiederum funktioniert ein direktes Gespräch am besten.

Egal, wie du dein Coming-out gestalten willst: Vorbereitung kann helfen, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Wenn du dich über deine Gefühle und deine Identität gut informierst, kannst du mögliche „Gegenargumente“ widerlegen (z.B. die Annahme, dass deine Gefühle „unnatürlich“ wären oder dass du „nur eine Phase“ hättest). Grundsätzlich gilt: du allein bestimmst, wer du bist – niemand sonst weiß, was du fühlst, und niemand hat das Recht, dir deine Identität streitig zu machen.

Die Tatsache, dass du entschieden hast, bei jemandem ein Coming-out zu haben, bedeutet übrigens nicht, dass du ein komplett offenes Buch sein musst. Wenn dir jemand Fragen stellt, die dir unangenehm sind, erinnere dich daran, dass du nicht vor Gericht stehst. Du bietest zwar Information über dich an, aber du schuldest niemandem Antworten. Und vergiss nicht: Es ist manchmal besser, ehrlich zu sagen, dass du dir bei etwas nicht sicher bist, als zu lügen – aber Ungewissheit bedeutet in keinem Fall, dass andere dir vorschreiben dürfen, was du bist oder sein sollst.

Wenn du dir unsicher bist, wie die Person, die du ins Vertrauen ziehen möchtest, reagieren wird, kannst du versuchen, im Vorfeld herauszufinden, wie sie zu deinem Thema steht. Es gibt keine Garantie, dass Fans von Alfons Haider, Conchita Wurst oder Laverne Cox automatisch auch dich als schwul, genderqueer oder trans* akzeptieren werden – aber so eine Situation bietet zumindest eine Ausgangsbasis für ein weiteres Gespräch. Generell sind positive Medienrepräsentationen (z. B. Charaktere in Filmen oder Prominente, deren Identität oder Lebensweise du teilst) als Anhaltspunkte in Coming-outs sehr nützlich, auch wenn diese oft besonders stark gewissen Vorurteilen entsprechen.

Positive und negative Konsequenzen

Ein Coming-out schafft die Grundvoraussetzungen für ein Gefühl von Freiheit: die Erleichterung, nichts mehr verstecken zu müssen und keine „Lüge“ mehr zu leben. Wenn du deine eigenen Gefühle und Identitäten mit anderen teilst, kann das helfen, die Verbindung zwischen dir selbst und anderen Personen zu festigen und Solidarität zu schaffen. Wer sich emotional angreifbar macht (z.B. durch persönliche Offenbarungen in einem Coming-out), bereitet allerdings sowohl eine Gelegenheit für menschliches Zusammenkommen als auch fürs Verletztwerden. Häufig ist es leider noch immer problematisch, seine Identität offen in der Gesellschaft zu leben. Das liegt daran, dass Homo- und Transphobie (Ablehnung von und negative Einstellungen zu Homosexuellen und Trans*-Personen) noch immer weit verbreitet sind.

Oft ist es unmöglich, vorherzusagen, wie jemand auf dein Coming-out reagieren wird, welche Vorurteile die andere Person hegt oder wie weit sie imstande ist, deine Situation nachzuvollziehen. Wenn du finanziell oder sozial von den Menschen abhängig bist, bei denen du ein Coming-out haben möchtest (z. B. deinen Eltern oder deinen Vorgesetzten), überleg dir, wie hoch das Risiko ist, ihre Unterstützung zu verlieren – und ob ein Coming-out dieses Risiko wert ist.

Manchmal kommt es vor, dass Menschen ein Coming-out nicht akzeptieren, aber viele von uns haben die Erfahrung gemacht, dass die Menschen, bei denen wir unser Coming-out hatten, uns danach noch genauso mochten wie davor. Ein Coming-out kann immer Vor- und Nachteile haben, und du musst selbst überlegen, was für dich am besten funktioniert. Auch hier kann dir die Community helfen, den für dich besten Weg zu finden.

Mit negativen Reaktionen umgehen

Wahrscheinlich läuft bei deinem Coming-out alles gut, aber es kann auch passieren, dass jemand gar kein Verständnis dafür hat, wer du bist und wie du bist. Das kann sehr schmerzhaft sein und ist natürlich besonders schlimm, wenn du von dieser Person (finanziell) abhängig bist.

Es kann hilfreich sein, wenn du dir vor einem Coming-out Unterstützung suchst, um bei eventuellen negativen Reaktionen nicht allein zu sein. Wenn du z. B. schon dein erstes und zweites und drittes Coming-out bei Freund_innen hattest, die dich voll unterstützen, dann ist es gleich viel leichter, deine Eltern oder auch Klassen- bzw. Arbeitskolleg_innen zu konfrontieren, wenn du das möchtest. Außerdem gilt auch hier, dass du in der Community Unterstützung finden kannst.

Wenn du mit negativen Reaktionen zu kämpfen hast, erinnere dich daran, dass keine noch so schlimme Situation völlig deine Zukunft bestimmen kann. Das Negative ist Teil des Lebens – und es gibt Mittel, Wege und Organisationen, auf die du dich stützen kannst, um schwere Zeiten zu überstehen. Du bist Teil einer weltweiten Community von Menschen, die deine Situation teilen. Diese Community hat eine lange Geschichte, in der Leute genau wie du Widerständen getrotzt und ihre eigenen Wege gefunden haben. Und auch du wirst deinen eigenen Weg finden.

Vorurteile

Ein Coming-out bedeutet also, die Annahmen, die andere über dich haben, richtigzustellen. Dazu gehören z. B. die Annahmen, dass du dich einem bestimmten Geschlecht zuordnest und Menschen eines bestimmten (meist anderen) Geschlechts sexuell attraktiv findest. Wenn du diese falschen Annahmen richtig stellst – und auch bereits davor –, wirst du mit Vorurteilen (auch Stereotypen genannt) konfrontiert werden.

Wie bei allen sozialen Normen – Traditionen und Vorstellungen, die vorgeben, was in einer Gesellschaft oder einem bestimmten Umfeld als „normal“ gilt bzw. was „erlaubt“ ist – geht es auch bei Vorurteilen um Erwartungen. Vorurteile sind die Vorstellungen, die Leute haben, wenn sie an bestimmte Gruppen von Menschen denken. Dir fallen sicher viele Vorurteile ein, die Leute von dir haben, und wahrscheinlich auch ein paar, die du von anderen hast.

Zum Beispiel glauben viele, dass alle Männer und Jungs gerne Fußball spielen und Auto fahren, während Frauen und Mädchen sich am liebsten den ganzen Tag schminken und nur Klatsch und Tratsch lesen. Es gibt Vorurteile zu fast allen gesellschaftlichen Gruppen. Zwar treffen Vorurteile manchmal zu – oft tun sie das aber auch nicht. Gruppen, die bereits am Rand der Gesellschaft stehen – also Minderheiten wie zum Beispiel Trans*-Personen, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung, Menschen mit Migrationshintergrund etc. – werden durch Vorurteile noch weiter ausgeschlossen.

Egal, worum es in deinem Coming-out geht, die Menschen werden bestimmte Vorurteile dazu in ihrem Kopf gespeichert haben und diese auf dich anwenden. („Du bist lesbisch? Ach, bei dir wusste ich das schon immer, du hattest immer lieber kurze Haare!“ / „Du bist schwul? Aber du spielst doch so gern mit uns Fußball!“) Das kann sehr weh tun, weil manche Menschen dich dann weniger als dich selbst und mehr als eine Schaufensterpuppe sehen, die sie mit ihren Vorurteilen anziehen können. Gegen Vorurteile anzureden kann sehr viel Energie kosten und frustrierend sein.

Da ist es ganz normal, wenn du diesen Vorurteilen nicht entsprechen willst und das Gefühl hast, anderen zeigen zu müssen, dass du „nicht so“ bist. Das ist okay, aber vergiss dabei nicht, dass es nicht an sich schlecht ist, so zu sein, wie Vorurteile es vorgeben. Wichtig für dich und dein Coming-out ist, dass Vorurteile nicht automatisch bestimmen, wer du bist, wie du dich fühlst und was du aus deinem Leben machst.

Wenn du als Frau gerne Fußball spielst, ist das genauso in Ordnung wie wenn du gerne stundenlang shoppen gehst – oder beides! Und natürlich kannst und wirst du dich im Leben immer wieder ändern. Vielleicht merkst du nach ein paar Jahren, dass dir etwas nicht mehr gefällt und du jetzt doch etwas anderes willst. Auch das ist völlig okay. Nur du selbst kannst herausfinden, wie du dich wohl fühlst – egal, ob du damit einem Vorurteil entsprichst oder nicht.

Natürlich solltest du versuchen, das auch anderen zu ermöglichen. Auf keinen Fall solltest du also andere Menschen ablehnen oder angreifen, nur weil sie auf den ersten Blick Vorurteilen entsprechen, von denen du dich abgrenzen möchtest. Wenn du einen schwulen Jungen beleidigst, weil er „zu weiblich“ ist, trägst du selbst zu Aggressionen gegen Homosexuelle bei. Wenn du selbst nicht allen Normen entsprichst, die andere an dich stellen, solltest du besser als die meisten anderen verstehen können, wie schmerzhaft es sein kann, dafür attackiert zu werden, wer/wie man ist.

Diskriminierung

Von Diskriminierung sprechen wir, wenn manche Menschen schlechter behandelt werden als andere, weil sie einer bestimmten Gruppe oder Kategorie angehören (z. B. einer bestimmten Religion oder sexuellen Minderheit). Diskriminierung ist eng mit Vorurteilen verbunden, die über Mitglieder solcher Gruppen gehegt werden, denn Vorurteile werden häufig zur Rechtfertigung von diskriminierenden Aussagen oder Ausgrenzung verwendet.

Diskriminierung gibt es in verschiedenen Formen. Manchmal ist Diskriminierung rechtlich, das heißt, vom Gesetz bestimmt. Zum Beispiel war es Frauen in Österreich bis ins Jahr 1918 verboten, zu wählen. Es ist auch Diskriminierung, wenn Schwule und Lesben keine Kinder adoptieren dürfen – denn unsere sexuelle Orientierung bestimmt nicht, ob wir gute oder schlechte Eltern sind. Nur weil etwas ein „Gesetz” ist, ist es noch lange nicht richtig.

Diskriminierung findet aber unabhängig von den Gesetzen eines Landes häufig im Alltagsleben vieler Menschen statt. So wird zum Beispiel homosexuellen Pärchen, die in der Öffentlichkeit zärtlich zueinander sind, oft gesagt, sie sollten ihre Sexualität nicht so „zur Schau stellen” (während heterosexuelle küssende Pärchen unkommentiert bleiben). Viele Menschen in homosexuellen Beziehungen überlegen es sich deswegen oft zweimal, bevor sie in der Öffentlichkeit Händchen halten – aus Angst vor blöden Blicken oder verletzenden Kommentaren bis hin zu körperlichen Angriffen.

Hinter diesen Andersbehandlungen stecken meist Ideen und Vorstellungen, die wir alle von klein auf durch unser Aufwachsen in einer bestimmten Gesellschaft lernen – oft unbewusst und durch viele „kleine“ Zeichen, die wir aufgreifen. Wenn wir als Kinder (und auch als Erwachsene) in so gut wie jedem Film sehen, wie ein Mann und eine Frau sich ineinander verlieben, aber niemals ein Mann in einen Mann oder eine Frau in eine Frau, lernen wir dadurch, dass Mann-Frau-Liebe „die Norm“ ist, von der alles andere abweicht. Und wer lernt, dass es nur eine „Norm“ gibt und wem dadurch alles andere fremd bleibt, begegnet anderem – Neuem – wahrscheinlich mit Unsicherheit und Angst, die leider oft in Verachtung oder gar Hass umschlägt. Diese Unsicherheit, die Angst und der Hass zeigen sich in homophoben, transphoben und anderen Handlungen, die sich gegen bestimmte (Gruppen von) Menschen richten.

Diskriminierung hat viele Gesichter. Neben Diskriminierung gegen Menschen, die nicht heterosexuell sind, oder gegen Trans*-Personen kann Diskriminierung auch auf Sexismus basieren – das heißt, auf Vorurteilen und negativen Einstellungen gegen ein bestimmtes Geschlecht (z. B. wenn es heißt, dass Männer nicht gut mit Kindern umgehen können oder dass Frauen zu emotional seien). Da in unserer Gesellschaft Männer grundsätzlich eine bessere soziale Stellung genießen als Frauen, sind Frauen eher (wenn nicht mehr, dann auf jeden Fall stärker) von Sexismus betroffen als Männer.

Auch Rassismus ist eine Form von Diskriminierung. Rassistische Handlungen richten sich gegen Gruppen von Menschen, die nur wegen ihrer Herkunft oder ihres Aussehens als schlecht(er) gesehen werden. So werden z.B. Menschen mit dunkler Hautfarbe auf der Straße beschimpft, Kinder mit Eltern aus dem Ausland als dumm hingestellt, Jugendliche, die in Wien miteinander auf Türkisch sprechen, für gefährlich gehalten etc.

Auch Menschen, die selbst Diskriminierung ausgesetzt sind, sind nicht automatisch davor geschützt, sich selbst homophob, transphob, sexistisch, fremdenfeindlich oder rassistisch zu verhalten. So kommt es zum Beispiel vor, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht in Schwulen-Bars gelassen werden. Manchmal werden Menschen auch von vornherein als potentielle (Sex-)Partner_innen ausgeschlossen, nur weil sie bestimmten Gruppen angehören oder nicht den sehr limitierten Schönheitsvorstellungen unserer Gesellschaft (sehr junge, sehr schlanke Menschen mit heller Haut etc.) entsprechen.

Das heißt nicht, dass du alle Menschen attraktiv finden musst, aber sei dir immer bewusst, dass auch du von dem Umfeld, in dem du lebst, beeinflusst bist und dass auch du wahrscheinlich von Vorurteilen und falschen Vorstellungen geleitet wirst, die anderen Leid zufügen können. Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn du selbst Vorurteile hast – sie sind unvermeidbar. Aber versuche, dich in andere Menschen hineinzuversetzen und sie so zu behandeln, wie sie behandelt werden möchten. Falls sich also jemand bei dir über Diskriminierung beklagt, sei offen und höre zu – auch wenn du eine bestimmte Art des Ausgeschlossenwerdens nicht kennst, kann sie für andere sehr wohl ein großes Problem sein.

Mit Diskriminierung umgehen

Was kannst du tun, wenn du selbst oder andere in deiner Umgebung von Diskriminierung betroffen sind? Einerseits müssen wir leider zugeben, dass du sicher nicht immer fair behandelt werden wirst – und manchmal nichts dagegen tun wirst können. Andererseits bist du nie komplett hilflos.

Während der Staat mit seinen Gesetzen zum Teil selbst für Diskriminierung verantwortlich ist, kann das Gesetz manchmal auch hinter dir stehen, wenn du diskriminiert wirst. Zum Beispiel ist es illegal, wenn du einen Job nur aufgrund deiner Herkunft oder deiner sexuellen oder geschlechtlichen Identität nicht bekommst. In einem solchen Fall kannst du dich an Beratungsstellen wenden, die dich dabei unterstützen, zu deinem Recht zu kommen.

Außerdem gibt es verschiedene Gruppen und Organisationen, die aktiv gegen Diskriminierung kämpfen. Wir haben einige davon am Ende dieses Textes angeführt. Einerseits können diese Gruppen dir helfen, wenn du Rat brauchst oder Opfer von Diskriminierung wirst – andererseits kannst du dich selbst bei diesen Gruppen engagieren, wenn du selbst gegen Diskriminierung kämpfen willst.

Jetzt liegt es an dir

Schwul, lesbisch, bi/pan, asexuell, queer … – oder doch hetero? Junge, Mädchen, Frau, Mann, cis, trans* … – oder nichts davon, oder irgendwie alles zusammen? Coming-out jetzt sofort – oder doch lieber nicht? Nun ist es an dir, zu überlegen, wie du dich fühlst, was du dir wünschst und wie es weitergehen soll.

Egal, was du tust – ob du ohnehin schon glücklich und zufrieden bist, ob du noch absolut keine Ahnung hast, was du mit deinen Gefühlen anfangen sollst, ob du gerade Diskriminierung selbst erlebst oder nicht – vergiss niemals, dass es immer Menschen gibt, die auf deiner Seite stehen. Auch wenn es manchmal schwer ist, du bist nie allein!

Weitere Kontakte & Informationsstellen

Auch jetzt hast du wahrscheinlich noch eine Menge Fragen. Die folgenden Gruppen und Organisationen können dir weiterhelfen:

(Wird in Kürze aktualisiert.)

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verfasst von Boka En, Michael En und Mercedes Pöll